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Wie konnte das passieren? Oder: Wie Schulbücher entstehen, wie es zu Fehlern kommen kann und wie wir daraus lernen.

„Ihr seid doch ein Bildungsverlag. Wie kann euch solch ein Fehler unterlaufen? Habt ihr kein Lektorat?“

Das sind einige der Fragen, die gestellt werden, wenn Fehler in unseren Medien entdeckt werden. Als Österreichs größter Verlag für Bildungsmedien gehört es quasi zur DNA von Veritas, Medien zu entwickeln, die fehlerfrei sind. Schließlich geht es hier um Schule. Da sollte, nein, da muss möglichst alles korrekt sein.

Das ist unser Anspruch, unsere Aufgabe und unser Ziel. Und trotzdem passieren Fehler. Trotz aller Akribie, mit der alle Beteiligten an den Materialien arbeiten. Trotz aller Gremien und Kontrollen, die die Bücher, Arbeitsblätter, die Apps und digitalen Medien durchlaufen, trotz intensiver Schulungen und der Teilhabe von Fachleuten.

Nur was passiert, wenn nach der Veröffentlichung Fehler entdeckt werden? Was geschieht, wenn sich Sichtweisen auf geschichtliche, politische, gesellschaftliche Ereignisse oder Lebensweisen ändern? Wie geht der Verlag damit um, welche Handlungsmöglichkeiten gibt es? Um hierauf Antworten zu geben, ist es wichtig, zunächst den Entstehungsprozess eines Schulbuches zu betrachten, — denn der ist gar nicht so ohne.

Unser Selbstverständnis

Die Entwicklung eines Schulbuchs – von Unterrichtsmaterialien generell – ist sehr komplex. Es gibt Vorgaben des Bildungsministeriums, viele Beteiligte, vielschichtige Entscheidungsprozesse.

Bildungsmedien werden über einen längeren Zeitraum entwickelt und sollen über mehrere Jahre genutzt werden. Dazu kommt das Selbstverständnis von Veritas, mit all seinen Produkten dazu beizutragen, dass Diversität und Heterogenität gefördert werden. Das heißt, wir berücksichtigen die Verschiedenheit der Menschen in allen Stufen der Produktentwicklung. Dies wird bei der Entwicklung aller Medien an vielen Stellen betrachtet, diskutiert und dort wo erforderlich korrigiert.

Der Lehrplan

Grundlage für die Entwicklung aller Lehrbücher sind die Lehrplanvorgaben. Jedes Lehrwerk muss diese Anforderungen erfüllen.

Damit dies gewährleistet ist, müssen alle Bildungsmedien vom Bildungsministerium genehmigt, sprich, approbiert werden. Diese Kontrollinstanz durchlaufen alle Schulbücher aller Verlage. Schulbücher müssen lehrplankonform sein, den allgemeinen Verfassungsgrundsätzen entsprechen und didaktisch wie sprachlich den jeweiligen Anforderungen entsprechen.

Bildungsmedien entstehen in Teamarbeit

Eine weit verbreitete Meinung ist, dass Schulbücher und Bildungsmedien von Redakteur:innen im Verlag erstellt werden. Eine zweite Annahme ist, dass sie von freien Autor:innen verfasst werden. Beides stimmt nicht.

Schulbücher entstehen immer in unterschiedlich zusammengesetzten Teams. Und die können recht heterogen sein: Hinter jedem Lehrwerk steht zunächst ein Autor:innen-Team aus Fachpädagog:innen, die ihre Erfahrungen aus dem Berufsalltag einbringen oder/und Hochschul-Pädagog:innen, die aktuellste Kenntnisse aus der Forschung einfließen lassen. Zusammengestellt und koordiniert wird das Autor:innen-Team von der Verlagsredaktion. Hier laufen alle Fäden zusammen: Die Redakteur:innen betreuen die Autor:innen, sprechen in vielen Arbeitsmeetings Inhalte sowie Abläufe ab und haben alle relevanten Termine bis zum Erscheinungstermin im Blick.

Die Redaktion als Schnittstelle

Als wichtige Schnittstelle im Entstehungsprozess betreuen die Redaktionen viele Handlungsabläufe: Sie koordinieren die externen Autor:innen, achten darauf, dass die Inhalte den Lehrplan-Vorgaben entsprechen, dass Formulierungen und Aufbau verständlich und für alle nachvollziehbar sind. Die Redaktion stößt auch die Beschaffung aller erforderlichen Medien an: Fotos, Illustrationen, Grafiken, Tabellen, Bewegtbilder/Videos etc.

Parallel dazu werden die Inhalte in das final abgestimmte Layout eingearbeitet. Gestaltung und Aufbau des Lehrwerkes wurden zuvor in vielen Runden diskutiert, geändert, mit zukünftigen Nutzer:innen getestet und weiter optimiert. Ebenfalls parallel laufen die Gespräche mit den Kolleg:innen im Marketing. Hier wird über die Bewerbung des Titels gesprochen, die Kolleg:innen des Außendienstes werden geschult. Und, wichtiger Punkt: Der Erscheinungstermin muss immer im Auge behalten werden. Denn jedes Lehrbuch soll zu Beginn des Schuljahres vorliegen, damit die Schulen oder die Eltern die Materialien bestellen können und die Schüler:innen sie rechtzeitig am ersten Schultag in Händen haben.

Bevor ein Titel im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung eingereicht wird, prüfen die Redaktionen noch einmal alle Inhalte genau. Dabei geht es neben sprachlicher und inhaltlicher Korrektheit auch darum, dass beispielsweise sichergestellt werden muss, dass alle Bild- und Textrechte für die Veröffentlichung vorliegen. Nicht weniger wichtig ist die Überprüfung mit Blick auf Diversity & Inclusion! Erst nach diesen Prüfungsschritten wird ein Lehrbuch zur Approbation vorgelegt und kann nach positiver Rückmeldung der Behörde in Druck gehen.

Wie wir mit Fehlern umgehen

Der gesamte Entwicklungsprozess für ein Lehrwerk nimmt in der Regel mehrere Jahre in Anspruch. Doch trotz aller Kontrollen, Korrekturen, Schulterblicke, Gremien, die jedes Produkt im Verlag und beim Ministerium durchläuft, passieren auch Fehler. Bei allen aufgetretenen Mängeln und Mankos gehen wir umgehend der Ursache nach und beheben sie schnellstmöglich.

Veritas geht offen und konstruktiv mit Fehlern um. Wir stellen uns der Verantwortung und sehen in jedem aufgetretenen Fehler auch eine Chance zur Weiterentwicklung der Produkte, der Prozesse sowie zur Zusammenarbeit aller Beteiligten im Unternehmen. Wir treten mit Kund:innen und Betroffenen in Kontakt, suchen den Austausch. Aufgetretene Fehler können zudem auf Lücken in den Arbeitsprozessen hinweisen. Wir gehen gemeinsam mit den Kolleg:innen die Abläufe durch und suchen nach Verbesserungen. Das können klarere oder neue Regeln sein, ein neues Gremium oder optimierte Freigabeprozesse. Eine weitere Chance liegt in der Weiterbildung aller Mitarbeiter:innen. Damit z. B. alle das gleiche Verständnis zu den Themen Diversität, Inklusion oder gesellschaftliche Verantwortung haben, werden alle am Entstehungsprozess beteiligten Kolleg:innen in unterschiedlichen Formaten geschult.

Mit diesen Schritten können wir Fehler für die Zukunft vermeiden. Nur was geschieht mit denen, die schon „in der Welt“ sind? Also mit denen, die in den Büchern stehen, die sich in den Schulen und den Haushalten der Schüler:innen befinden?

Möglichkeit eines korrigierten Nachdrucks

Verkauft sich eine Auflage ab, werden Bücher nachgedruckt. Das ist die Chance, bis dahin erkannte Fehler zu korrigieren und so einen korrigierten Nachdruck anzubieten. Das können „kleinere“ Fehler wie ein fehlendes Satzzeichen, eine falsche Bildunterschrift oder eine falsche Seitenzahl sein. Aber auch solche, die einen tieferen Eingriff in den Text oder bei den Abbildungen erfordern. Der Verlag entfernt so die vorhandenen Mängel und druckt die Bücher in veränderter Form nach.

Auf die sich bereits am Markt befindlichen Exemplare hat dieser Schritt keinen Einfluss. Denn Schulbücher sind oft länger im Umlauf, ohne dass sie ausgetauscht werden können.

Das betreffende Buch aus dem Programm nehmen

Es besteht allerdings auch die Möglichkeit, ein Buch aus dem Programm zu nehmen. Bei schwerwiegenden Fällen ergreifen wir diese Maßnahme, denn wir nehmen im Besonderen Fehler hinsichtlich Diversity & Inclusion sehr ernst.

Das Beispiel „Sprache Stein Papier 1. Leseheft“

Wir bedauern sehr, dass wir mit der Darstellung des Bauern Ümit in unserem Leseheft zum Fibelwerk „Sprache Stein Papier 1“ diskriminierende Inhalte verbreitet haben. Dies widerspricht unseren eigenen Grundsätzen und wir bitten aufrichtig um Entschuldigung.

Als Bildungsmedienverlag ist es unser Ziel und unsere Aufgabe, qualitativ hochwertige Inhalte anzubieten, die alle Menschen unabhängig von Herkunft, Kultur und Identität respektieren und wertschätzen. Wir wollen mit unseren Bildungsmedien eine Kultur der Vielfalt stärken und inklusiv sein.

Wir nehmen daher die eingegangenen Beschwerden hinsichtlich der Darstellung des Bauern Ümit sehr ernst und haben das Heft bereits aus dem Programm genommen; die betreffende Seite wird ausgetauscht.

Wir bedauern den Vorfall zutiefst und werden diesen Fall auch zum Anlass nehmen, unsere Arbeit noch stärker im Hinblick auf möglichen Rassismus auf den Prüfstand zu stellen. 

Conclusio

Wie anfangs gesagt: Die Entwicklung von Bildungsmedien ist ein komplexer Prozess.

Aber er birgt auch viele Chancen und Ansatzpunkte, auf Fehler zu reagieren, sie zu vermeiden, die Produkte und die Arbeitsprozesse ständig zu verbessern.

Wir können unseren Kund:innen jedenfalls versichern, dass bei Veritas Menschen arbeiten, die auch in so stressigen Zeiten wie einer Lehrplanumstellung alles geben, um hochwertige, inklusive und lernförderliche Bildungsmedien zu erstellen.

Wo Menschen arbeiten, können Fehler passieren. Wir nehmen uns das zu Herzen und werden daraus lernen.