Digitale Barrierefreiheit
VERITAS/Midjourney v 6/KI generiert
Digitale Barrierefreiheit im Bildungsbereich: Wie Schulbücher für alle zugänglich werden.
Digitale Barrierefreiheit ist weit mehr als eine technische oder gesetzliche Anforderung – sie ist ein Baustein für mehr Chancengleichheit.
Sie sorgt dafür, dass alle Menschen, unabhängig von körperlichen oder kognitiven Einschränkungen, gleichberechtigten Zugang zu digitalen Lernmitteln haben.
Im Bildungsbereich ist digitale Barrierefreiheit daher von zentraler Bedeutung. Für Lehrer:innen, Eltern und Schüler:innen stellt sich dabei nicht nur die Frage, was digitale Barrierefreiheit bedeutet, sondern auch wie ein Schulbuch in barrierefreier Form gestaltet werden kann – und welche Herausforderungen damit verbunden sind.
Was bedeutet digitale Barrierefreiheit – und für wen ist sie wichtig?
Digitale Barrierefreiheit bedeutet, dass digitale Inhalte so gestaltet sind, dass sie von möglichst vielen Menschen unabhängig von individuellen Einschränkungen genutzt werden können. Dabei denken viele zunächst an Personen mit schweren oder dauerhaften Behinderungen – etwa blinde oder gehörlose Menschen.
Doch die Realität ist breiter, Barrierefreiheit umfasst auch die Bedürfnisse von:
- Personen mit eingeschränkter Feinmotorik oder Tremor
- Personen mit temporären Beeinträchtigungen, zum Beispiel durch eine Verletzung, einen Gipsarm oder eine Augenoperation
- Nutzerinnen und Nutzer mit Farbfehlsichtigkeit, die visuelle Informationen anders wahrnehmen
- Kinder oder Eltern mit geringer Medienkompetenz


- Menschen mit altersbedingten Einschränkungen, etwa abnehmendem Seh- und Hörvermögen
- Menschen mit kognitiven oder neurologischen Besonderheiten, wie ADHS oder Legasthenie
Digitale Barrierefreiheit bedeutet nicht, dass für einzelne Gruppen eine Sonderlösung geschaffen wird, sondern dass digitale Inhalte von Anfang an inklusiv gestaltet werden. Das ist nicht nur ein ethischer Anspruch – es ist ein pädagogisch und gesellschaftlich notwendiger Schritt in Richtung Teilhabe und Chancengleichheit. Und das Nutzungserlebnis wird für alle verbessert: Klare Strukturen, verständliche Sprache und gute Lesbarkeit sind universelle Qualitätsmerkmale.
Rechtlicher Rahmen: Das Barrierefreiheitsgesetz in Österreich


Digitale Barrierefreiheit ist nicht nur eine Frage der Fairness – sie wird auch gesetzlich verpflichtend.
In Österreich gilt seit 28. Juni 2025 das neue Barrierefreiheitsgesetz (BaFG).
Es basiert auf der EU-Richtlinie 2019/882 über die Barrierefreiheitsanforderungen für Produkte und Dienstleistungen und verpflichtet unter anderem Anbieter digitaler Inhalte zur Einhaltung definierter Barrierefreiheitsstandards.
Was bedeutet das für Bildungsverlage konkret?
Für Bildungsverlage bedeutet das konkret: Digitale Schulbücher, Lernplattformen, und Webshops müssen den Anforderungen an barrierefreie digitale Kommunikation entsprechen.
Das betrifft:
- den Aufbau und die Navigation von Webseiten
- die Verständlichkeit von Texten und Inhalten
- die maschinenlesbare Struktur von PDF-Dateien
- den Einsatz barrierefreier Formate in multimedialen Inhalten
Internationaler Standard WCAG („Web Content Accessibility Guidelines“)
Zentrale technische Grundlage für die Umsetzung ist der internationale Standard WCAG („Web Content Accessibility Guidelines“), der u. a. regelt, wie Inhalte
- wahrnehmbar,
- bedienbar,
- verständlich und
- robust
gestaltet sein müssen.


Auch wenn es für bestehende Angebote Übergangsfristen gibt, ist klar: Barrierefreiheit ist nicht mehr freiwillig – sie ist gesetzlich vorgeschrieben. Verlage, die jetzt handeln, gewinnen nicht nur Rechtssicherheit, sondern auch das Vertrauen einer immer diverser werdenden Nutzergruppe.
Die besondere Herausforderung: Schulbücher barrierefrei gestalten
Schulbücher sind keine gewöhnlichen Informationsmedien. Sie sind didaktisch konzipierte Werke, die bestimmte Lernziele verfolgen, methodische Zugänge bieten und visuelle wie inhaltliche Vielfalt vereinen. Gerade diese Vielfalt stellt bei der Umsetzung digitaler Barrierefreiheit eine besondere Herausforderung dar.


- Layout und Struktur: Schulbücher arbeiten oft mit komplexen Doppelseiten, Infokästen, Illustrationen, Farbcodierungen und Pfeilsystemen. Diese visuelle Struktur ist für Screenreader schwer zugänglich.
- Didaktische Konzepte: Manche Lernmethoden – etwa das entdeckende Lernen durch Bildanalyse – setzen visuelle Wahrnehmung voraus. Hier müssen neue Wege gefunden werden, damit auch sehbeeinträchtigte Lernende eingebunden sind.
Der Spagat zwischen ansprechendem, abwechslungsreichem Design und barrierefreier Funktionalität ist eine Herausforderung – aber keine unüberwindbare.
Wie Barrierefreiheit konkret umgesetzt werden kann
Ein Bildungsverlag, der digitale Barrierefreiheit ernst nimmt, setzt an mehreren Punkten gleichzeitig an – im Design, in der Technik, in den Inhalten, um möglichst vielen Nutzer:innen Zugang zu digitalen Inhalten zu ermöglichen.
Hier einige zentrale Maßnahmen aus unserer Praxis:
1. Alternative Texte für Bilder
Bilder müssen mit sogenannten Alt-Texten (Alternativtexten) versehen werden – kurzen, präzisen Beschreibungen, die den Inhalt oder die Funktion des Bildes erklären. Diese Texte werden von Screenreadern vorgelesen und ermöglichen sehbehinderten Nutzerinnen und Nutzern, den Bildinhalt zu erfassen.
Ein Beispiel für einen Alternativen Text für ein Bild:
- Bild: Eine Landkarte mit Pfeilen zur Darstellung von Handelsrouten
- Alt-Text: „Landkarte Europas mit eingezeichneten Handelsrouten der Römer im ersten Jahrhundert nach Christus.“
2. Screenreader-Kompatibilität und semantische Struktur
Digitale Inhalte werden so erstellt, dass Screenreader die logische Struktur erkennen – etwa durch:
- korrekte Auszeichnung von Überschriften (z. B. <h1>, <h2>)

- richtige Reihenfolge der Inhalte
- Nutzung von beschrifteten Formularfeldern (beim Kontaktformular beispielsweise)
Nur wenn diese Strukturen korrekt umgesetzt sind, können Menschen mit Sehbehinderungen die Inhalte effektiv nutzen.
3. Korrekte Lesereihenfolge


Ein häufiges Problem bei komplexen Layouts ist, dass Textfelder und Bilder auf dem Bildschirm visuell zwar gut angeordnet sind – aber in einer unlogischen Reihenfolge vorgelesen werden. Hier ist besondere Sorgfalt nötig, um sicherzustellen, dass der Lesefluss erhalten bleibt. Wenn z. B. eine Infobox in der Mitte der Seite visuell zwischen zwei Absätzen steht, muss sichergestellt sein, dass sie auch inhaltlich an der richtigen Stelle vorgelesen wird.
4. Ausreichende Farbkontraste und nicht nur farbliche Codierung
Farbkontraste zwischen Text und Hintergrund müssen so gewählt werden, dass auch Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen oder Farbfehlsichtigkeit problemlos lesen können.


Informationen dürfen nicht ausschließlich durch Farben vermittelt werden. Statt „Rote Balken stehen für Mädchen, blaue für Buben“ sollte es z. B. ergänzende Beschriftungen oder Muster geben.
5. Einsatz von getaggten PDF-Dokumenten
Ein sogenanntes getaggtes PDF enthält unsichtbare Strukturinformationen, die durch Tags (Markierungen) hinterlegt sind – ähnlich wie HTML-Tags im Internet.
- Dadurch wird aus einem statischen PDF ein dynamisch lesbares Dokument gemacht: Screenreader erkennen Absätze, Überschriften, Listen, Tabellen und die richtige Lesereihenfolge.
- Diese Tags sind essenziell für die Nutzung mit Screenreadern und ermöglichen eine sinnvolle Navigation im Dokument. Ohne diese Struktur ist das PDF für viele Menschen faktisch unzugänglich, auch wenn der Text sichtbar ist.


6. Schulungen und Sensibilisierung im Verlag
Barrierefreiheit beginnt im Kopf – und bei den Menschen, die Inhalte entwickeln. Deshalb sind Schulungen für Redakteur:innen, Mediengestalter:innen, Medienproduzent:innen und Entwickler:innen wichtig, um das nötige Know-how aufzubauen und dauerhaft im Workflow zu verankern.
Barrierefreiheit als Chance – nicht als Hürde
Auch wenn die Umsetzung digitaler Barrierefreiheit aufwendig erscheinen mag – sie bietet zahlreiche Vorteile. Sie verbessert die Nutzerfreundlichkeit für alle, sichert langfristig rechtliche Konformität und ist für uns bei VERITAS auch eine Frage des Verantwortungsbewusstseins.
Denn schafft sie eines: Teilhabe. Und genau darum geht es uns in der Bildung.
Fazit: Maßnahmen mit großer Wirkung
Digitale Barrierefreiheit ist kein Zusatz, kein „nice to have“, sondern ein grundlegendes Qualitätsmerkmal moderner Bildungsmedien. Gerade in einer Zeit, in der Schule, Lernen und digitale Medien immer stärker verschmelzen, müssen wir sicherstellen, dass niemand ausgeschlossen wird.


Lehrer:innen, Eltern und Verlage stehen dabei gemeinsam in der Verantwortung, digitale Bildung inklusiv zu gestalten. Maßnahmen wie ein gut formulierter Alternativtext, ein getaggtes PDF oder ein kontrastreiches Layout können für betroffene Personen den Unterschied machen zwischen Zugang und Ausschluss.
Ein barrierefreies Schulbuch ist mehr als ein technisches Produkt. Es ist ein Signal: Du gehörst dazu.