Die HÜ, die keine mehr ist
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ChatGPT, Claude, Gemini, ...
Unbestritten ist: ChatGPT, Claude, Gemini und wie sie alle heißen, erledigen viele Hausübungen in Sekunden.
Wer heute im Sprachunterricht einen Text als Hausübung aufgibt, bekommt in vielen Fällen einen Maschinentext zurück.
Was mich dabei am meisten beschäftigt, ist aber gar nicht die Täuschung. Es ist die Selbstverständlichkeit.
Ein praktisches Werkzeug, das den Schüler:innen das Denken abnimmt
Frage ich nach, wie ein Text entstanden ist, kommt die Antwort oft ohne Zögern und ohne schlechtes Gewissen:
die Ideen von der KI, vielleicht auch das Brainstorming von der KI, die Struktur von der KI, und ja, der Großteil des Textes gleich mit.
Weitere App am Handy
Für viele Jugendliche sind diese Sprachmodelle schlicht eine weitere App am Handy, irgendwo zwischen Snapchat und TikTok.
Den technologischen und gesellschaftlichen Umbruch, den wir Erwachsene in dieser Technologie sehen und seit bald vier Jahren pausenlos diskutieren, erkennen sie darin oft nicht.
Sie sehen ein praktisches Werkzeug, das ihnen das Denken abnimmt. Und genau dafür verwenden sie es.


Warum wir dieses Problem nicht mit Kontrolle lösen werden, was die Forschung über ausgelagerte Hausübungen weiß und was sich in meinem Englischunterricht konkret geändert hat, darum geht es in diesem Beitrag.
Detektoren, Wasserzeichen, Fehlurteile
Der erste Reflex ist verständlich: nachweisen und sanktionieren. Nur funktioniert er nicht.


Die Bildungsforscherin Johanna Fleckenstein und ihr Team haben 2024 untersucht, ob Lehrkräfte KI-Texte von Schüler:innentexten unterscheiden können.
Das Ergebnis ist ernüchternd:
Angehende Lehrkräfte erkannten nur 45 Prozent der KI-Texte, erfahrene sogar nur 38 Prozent. Gleichzeitig waren beide Gruppen überzeugt, das gut zu können, und schätzten ihre Trefferquote auf 77 beziehungsweise 80 Prozent.
Besonders heikel: Gerade sprachlich starke Texte wurden überdurchschnittlich oft als KI-Texte eingestuft. Wer nach Bauchgefühl urteilt, verdächtigt am Ende womöglich die Fleißigsten.
KI-Detektoren
Auch die technische Abkürzung führt ins Leere. KI-Detektoren, an manchen Schulen um teures Geld lizenziert, haben eine Geschichte voller Enttäuschungen hinter sich.
Der Berliner Lehrer Manuel Flick machte dazu einen aufschlussreichen Selbstversuch:
Er ließ seine eigene Facharbeit aus dem Jahr 2008 prüfen, verfasst 14 Jahre vor ChatGPT. Der Detektor attestierte ihr 47,4 Prozent KI-Anteil; als verdächtiges Muster galt unter anderem der Gedankenstrich.
Eine Stanford-Studie zeigte zudem, dass über 60 Prozent der Texte von Nicht-Muttersprachler:innen fälschlich als KI-generiert markiert wurden.
Solche Tools treffen also genau jene Schüler:innen, die ohnehin gegen sprachliche Hürden ankämpfen.


Und die Wasserzeichen, die seit dem Sommer durch die Debatte geistern?
Kennzeichnungspflicht des EU AI Act
Seit August greift die Kennzeichnungspflicht des EU AI Act, Anthropic versieht die Texte seiner neuesten Claude-Modelle bereits mit einer statistischen Markierung. Gerettet werden wir davon nicht.
Ein Wasserzeichen beantwortet die Frage, ob KI im Spiel war. Und das ist die falsche Frage, weil die Antwort immer öfter Ja lautet. Kurze Hausübungstexte liefern ohnehin zu wenig Signal, Übersetzen oder gründliches Umschreiben genügt zum Entfernen, und markiert werden tendenziell die Ehrlichen. Die KI-Bildungsforscherin Doris Weßels hält die gesamte Detektionslogik für „alte Welt" und warnt vor dem Generalverdacht gegenüber Schüler:innen.
Ihr Beispiel bringt die Schieflage auf den Punkt:
!! Wer eigene Gedanken von der KI übersetzen lässt, bekommt das volle Wasserzeichen.
Wer sich einen Entwurf generieren lässt und ihn oberflächlich umschreibt, bekommt keines, bei deutlich weniger Eigenleistung. Die Herkunft eines Textes sagt nichts mehr über die Leistung dahinter aus.
Meine Konsequenz daraus ist grundsätzlich: Ich bin Lehrer geworden, um Jugendliche beim Lernen zu begleiten, nicht um ihnen mit forensischem Ehrgeiz KI-Nutzung nachzuweisen. Ein Berufsbild, das zur Hälfte aus Verdacht besteht, will ich nicht.
Das Problem ist trotzdem real


Nun könnte man es sich bequem machen: Dann eben keine Kontrolle, geschummelt wurde schließlich schon vor ChatGPT. Wer konnte je überprüfen, ob den Aufsatz nicht die Eltern geschrieben haben? Stimmt alles. Und trotzdem kommen wir so nicht davon. Denn gerade im Sprachunterricht war die Hausübung immer auch Trainingszeit. Mit dem Schreiben ist es wie mit Muskeln: Was nicht beansprucht wird, baut ab. Wer das Üben komplett der KI überlässt, merkt das spätestens bei der nächsten Schularbeit.
Eine chinesische Langzeitstudie hat rund 27.000 Schüler:innen über 30 Monate begleitet. Mit KI stieg die Qualität der abgegebenen Hausübungen um 18 Prozent, die Bearbeitungszeit sank um fast ein Drittel. Klingt nach einem Erfolg. Dann kamen die Prüfungen: minus 20 Prozent innerhalb eines halben Jahres. Fast der gesamte Einbruch entfiel auf jene vier von fünf Schüler:innen, die ihre Hausübungen komplett ausgelagert hatten, erkennbar an extrem kurzer Bearbeitungszeit bei auffällig guter Note. Pädagog:innen nennen dieses Phänomen Kompetenzsimulation.
Kompetenzsimulation
Schüler:innen wirken kompetent, obwohl zentrale Denk- und Arbeitsschritte ausgelagert wurden. Der amerikanische Professor Ethan Mollick, der wie kaum ein anderer anschaulich beschreibt, was generative KI mit Arbeitswelt und Bildung macht, fasst die Studienlage so zusammen: KI, die einem die Hausübung abnimmt, schadet. Ein KI-Tutor, der einen zum Selberdenken zwingt, hilft.
Dass beides im selben Klassenzimmer stattfindet, erlebe ich laufend. Eine Schülerin erzählte mir nach einem Test begeistert, wie sie meine Handouts und ihre Mitschriften in Gemini Notebook geladen und sich von der KI wie von einer Tutorin abfragen ließ: Verständnisfragen und Erklärungen in einfacheren Worten, am Ende sogar ein kleiner Podcast und ein Video zum Stoff. Sie schrieb ein Sehr gut. Dieselbe Technologie, zwei Welten.
Schreiben in der Stunde
Was folgt daraus für die Praxis? Das Naheliegendste haben viele Sprachlehrer:innen längst umgesetzt, ich auch: Selbst zu verfassende Texte gibt es bei mir kaum noch als Hausübung, geschrieben wird im Unterricht. Damit bin ich keine Ausnahme, in den Sprachenfächern ist das mittlerweile fast schon der Normalfall. Spannend wird es bei der Frage, wie diese Schreibzeit gestaltet wird. Bei mir haben sich zwei Formate bewährt.
Wie wird die Schreibzeit gestaltet?


- Das erste ist digital. Die Schüler:innen schreiben ihren Text eigenständig und erhalten anschließend KI-gestütztes Feedback nach Kriterien, die ich vorgebe; eigens für den Unterricht entwickelte Feedback-Tools gibt es dafür inzwischen einige.
- Dann folgt der wichtigste Schritt: die Zweitversion. Dieser Ablauf aus Erstfassung, Feedback und Überarbeitung ist im Sprachenteam an meiner Schule mittlerweile ein Erfolgsmodell, in der Unterstufe genauso wie in der Oberstufe; nur die Kriterien ändern sich. Die Schüler:innen schreiben selbst, und die KI übernimmt, was sie gut kann: schnelles, kriteriengeleitetes Feedback in einer Dichte, die ich als einzelne Lehrkraft bei 25 Texten pro Klasse nie leisten könnte.
So sieht das konkret aus: Texte verfassen im Unterricht
- Die Klasse schreibt etwa 30 Minuten an einem Text, dann holt sich jede:r das Feedback und markiert zwei, drei Punkte für die Überarbeitung. Häufige Stolpersteine sammeln wir anschließend an der Tafel und besprechen sie gemeinsam; die Zweitversion entsteht in der Folgestunde. Der Nebeneffekt ist nicht zu unterschätzen: Ich sehe beim Schreiben zu, ich kenne die Texte in ihrem Entstehen, und die Frage, wer hier eigentlich geschrieben hat, stellt sich gar nicht mehr. Die Bewertung bleibt ohnehin bei mir.
- Das zweite Format ist bewusst analog. Bei Creative-Writing-Prozessen abseits der klassischen Textsorten schreiben die Schüler:innen handschriftlich, zu zweit oder in Kleingruppen. Da wird diskutiert, gestrichen und neu angesetzt, und am Ende steht ein Text, der holpriger ist als alles, was ChatGPT liefern würde. Aber dafür gehört er wirklich ihnen.
Alles hier Beschriebene stammt aus meinem Englischunterricht, funktioniert in Deutsch und den anderen Sprachen aber genauso.
Auswahl des Feedback-Tools
Worauf Sie freilich bei der Auswahl der Software achten sollten: dass das gewählte Feedback-Tool datenschutzkonform an Schulen einsetzbar ist und keine Klarnamen oder persönlichen Daten der Schüler:innen verlangt.
Matura-Textsorten
Und die klassischen Textsorten, die es für Schularbeiten und Matura nun einmal braucht? Auch die trainieren wir in der Stunde.
Die Struktur- und Formvorgaben dafür habe ich auf einer kleinen, kostenlosen Website mit dem Titel „Don't Panic. It's Just the Matura." (https://matura.bernhardgmeiner.com) gebündelt.
Vokabeln, Lektüre, Recherche, Ideensammlung ... nach Hause verlagern
Zugegeben: Das alles kostet Stunden. Wer das Schreiben in den Unterricht holt, muss anderes nach Hause verlagern: Vokabeln, Lektüre, Recherche, Ideensammlung; alles, was das Schreiben in der Klasse vorbereitet. Für längere Arbeiten, die sich nicht ins Klassenzimmer verlegen lassen, übernehme ich einen pragmatischen Ansatz der Hochschulprofessorin Barbara Geyer: keine illusorische Prompt-Dokumentation, sondern eine einfache Tabelle. Welches Tool wurde wofür verwendet? Transparenz statt Versteckspiel. Wer nach weiteren Aufgabenformaten sucht, die ohne Abkürzung funktionieren, wird in meinem frei verfügbaren Praxishandbuch „Ohne Shortcut zur Leistung" fündig.
Was bewerten wir eigentlich?
Hinter der Hausübungsfrage steckt eine größere: Was bewerten wir, wenn Produkte auf Knopfdruck entstehen? Solange allein die polierte Endfassung zählt, belohnen wir jene, die am geschicktesten auslagern.
Produkt, Präsentation, Prozess
Doris Weßels schlägt stattdessen ein Modell mit drei P vor: Produkt, Präsentation, Prozess.


Neben dem fertigen Text zählen dann auch das kurze Gespräch darüber und der dokumentierte Weg dorthin. Wer den eigenen Text erklären, begründen und weiterdenken kann, hat die Arbeit geleistet, auf die es uns ankommt.
Würde ChatGPT die Hausübung in 30 Sekunden erledigen?
Bleibt der ehrliche Einwand: All das kostet Zeit und Energie, und beides ist im Schulalltag knapp. Ich verstehe alle Kolleg:innen, denen dafür neben Supplierungen, Konferenzen und Korrekturbergen die Luft fehlt. Trotzdem führt am Umbau kein Weg vorbei, und er beginnt im Kleinen: bei der nächsten Schreibaufgabe, die Sie stellen.
Würde ChatGPT sie in 30 Sekunden erledigen? Dann ist sie eine gute Kandidatin für die Stunde statt fürs HÜ-Heft.
Welche Feedback-Tools könne Sie denn empfehlen? Verfügt jeder Schüler über diese Tools? Wenn Sie schreiben:"Dann holt sich jeder sein Feedback". Wie sieht das in der Praxis aus. Geben die Schüler die Texte gar nicht mehr bei der Lehrperson ab, sondern verwenden eigenständig das Feedback Tool?
Sind diese Tools kostenpflichtig?
Ich würde mich über konkrete Hinweise freuen.
MfG Julia Kofler (Lehrkraft Deutsch und Musik, PRG Volders, Tirol)
danke für die konkreten Fragen!
Zu den Tools: Ich arbeite an meiner Schule mit FelloFish (früher fiete.ai), das mehrere Sprachen abdeckt. Einen Blick wert ist auch die KI-Toolbox von VERITAS und Cornelsen. Ihr Korrektur-Assistent gibt ebenfalls Rückmeldungen zu Texten.
Zum Zugang: Eigene Konten brauchen die Schüler:innen bei FelloFish nicht. Ich lege die Aufgabe samt Feedback-Kriterien an, die Klasse steigt über einen Link oder QR-Code ein und arbeitet unter Pseudonym. Sogar handschriftliche Texte lassen sich abfotografieren und hochladen. „Jeder holt sich sein Feedback" heißt also: direkt in der Stunde am eigenen Gerät, nach meinen Kriterien.
Und nein, an der Abgabe ändert sich nichts. Ich sehe im Lehrkräfte-Bereich alle Texte samt Feedback und Überarbeitung. Die KI liefert die erste Rückmeldung in einer Dichte, die ich allein nie schaffen würde; gelesen und bewertet wird weiterhin von mir.
Zu den Kosten: FelloFish hat eine Gratis-Variante mit 100 Feedbacks zum Ausprobieren, danach gibt es ein Einzel-Abo oder eine Schullizenz. Wichtig bei allen Tools: auf DSGVO-Konformität und einen Auftragsverarbeitungsvertrag achten und keine Klarnamen eingeben lassen.
Viel Freude beim Ausprobieren!
Liebe Grüße,
Bernhard Gmeiner
Ganz liebe Grüße,
Anne-Marie